Warum Laborwerte unterschiedlich ausfallen können – Messmethoden einfach erklärt

Warum Laborwerte unterschiedlich ausfallen können – Messmethoden einfach erklärt

Zwei Blutuntersuchungen, derselbe angebliche Laborwert – und trotzdem stehen auf den Befunden unterschiedliche Zahlen.

Welcher Wert stimmt jetzt?

Genau diese Frage hatte ich selbst, als ich Laborwerte aus Heimtests mit zeitnahen venösen Blutuntersuchungen verglichen habe. Dabei wurde schnell klar: Ein Laborwert besteht aus deutlich mehr als der Zahl, die am Ende auf dem Befund steht.

Probenmaterial, Entnahme, Messverfahren, Einheit und sogar die Art, wie ein Wert berechnet wird, können eine Rolle spielen.

Das klingt zunächst kompliziert. Für den Alltag reichen aber einige Grundregeln, mit denen sich ein Laborbefund schon wesentlich besser einordnen lässt.

Kurz gesagt: Wenn du zwei Laborwerte vergleichen möchtest, prüfe zuerst, ob wirklich derselbe Parameter aus einem vergleichbaren Probenmaterial, mit derselben Einheit und möglichst einem vergleichbaren Verfahren bestimmt wurde.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und Orientierung. Er ersetzt keine medizinische Diagnose oder Behandlung. Auffällige, unerwartete oder für eine Behandlung relevante Laborwerte sollten ärztlich eingeordnet werden.

Inhalt

Was gehört eigentlich alles zu einem Laborwert?

Auf einem Befund sieht man häufig nur etwas wie:

Vitamin D: 35 ng/ml

Dahinter stecken aber mehrere Informationen:

  • Welcher Vitamin-D-Parameter wurde bestimmt?
  • Aus welchem Material wurde er gemessen?
  • Wie wurde die Probe entnommen?
  • Mit welchem Laborverfahren wurde sie analysiert?
  • In welcher Einheit wird das Ergebnis angegeben?
  • Welcher Referenzbereich gehört zu genau diesem Verfahren?

Das ist ein bisschen wie bei einer Temperaturangabe.

20 °C und 68 °F sehen völlig unterschiedlich aus – beschreiben aber dieselbe Temperatur.

Bei Laborwerten kommt noch hinzu, dass manchmal nicht einmal exakt dasselbe gemessen wird.

Deshalb lohnt sich vor jedem Vergleich ein kurzer Blick hinter die Zahl.

Die Probe: Nicht jedes „Blut“ ist dasselbe

Kapillarblut aus der Fingerkuppe

Was ist das?

Das ist die kleine Blutmenge, die nach einem Stich in die Fingerkuppe austritt.

Kapillarblut ist allerdings nicht einfach eine Mini-Version von venösem Blut. Es enthält Blut aus kleinen Gefäßen sowie – abhängig von der Entnahme – Anteile aus dem umliegenden Gewebe. CLSI beschreibt Kapillarblut als Mischung aus Blut kleinster Gefäße und unterschiedlichen Anteilen interstitieller beziehungsweise intrazellulärer Flüssigkeit.

Vorteile

  • nur kleine Blutmenge nötig
  • zu Hause möglich
  • kein klassischer venöser Blutabnahmetermin
  • für dafür entwickelte Heimtests sehr praktisch

Darauf sollte man achten

Die Entnahme spielt eine größere Rolle. Starkes Auspressen des Fingers kann die Probe mit Gewebsflüssigkeit verdünnen und die Wahrscheinlichkeit einer Hämolyse erhöhen. WHO empfiehlt deshalb ausdrücklich, den Finger nicht stark auszudrücken.

Außerdem unterscheiden sich manche Messwerte zwischen kapillarem und venösem Blut tatsächlich. Das ist beispielsweise für Glukose bekannt.

Wann finde ich es sinnvoll?

Wenn ein konkreter Test ausdrücklich für Kapillarblut validiert wurde und die Fragestellung dazu passt.

Venöses Vollblut

Was ist das?

Das ist Blut, das normalerweise aus einer Armvene entnommen wird.

Es enthält noch:

  • rote Blutkörperchen,
  • weiße Blutkörperchen,
  • Blutplättchen,
  • Plasma.

Vorteile

  • größere Probenmenge
  • standardisierte professionelle Entnahme
  • aus einer Blutabnahme können oft mehrere unterschiedliche Untersuchungen durchgeführt werden
  • bestimmte Bestandteile der Blutzellen können direkt untersucht werden

Nachteil

Man benötigt normalerweise eine professionelle Blutabnahme.

Ist venöses Blut deshalb automatisch genauer?

Nein.

Das halte ich für einen sehr wichtigen Punkt.

Eine venöse Blutentnahme kann standardisierter sein, aber „venös“ ist kein Qualitätssiegel für die Messmethode.

Ein gut validierter Kapillarbluttest kann für seinen vorgesehenen Parameter sinnvoll sein, während auch eine venöse Probe falsch behandelt, gelagert oder analysiert werden kann.

Die Genauigkeit gehört also zum gesamten Testsystem, nicht allein zur Frage, ob eine Nadel in Finger oder Arm verwendet wurde.

Serum oder Plasma

Hier wird es etwas verwirrend, weil beides aus einer venösen Blutprobe entstehen kann.

Plasma

Das Blut wird so entnommen, dass es nicht gerinnt. Danach werden die Blutzellen durch Zentrifugation entfernt.

Serum

Das Blut darf zunächst gerinnen. Anschließend wird ebenfalls zentrifugiert.

Serum und Plasma sehen ähnlich aus, sind aber nicht identisch. Plasma enthält unter anderem Gerinnungsfaktoren, die beim Serum durch den Gerinnungsvorgang verändert beziehungsweise entfernt werden. Deshalb können Serum und Plasma für einzelne Laborparameter unterschiedliche Ergebnisse ergeben.

Typisch interessant für:

Viele klassische Laboruntersuchungen, beispielsweise aus Bereichen wie Stoffwechsel, Hormone, Vitamine oder klinische Chemie – wobei immer der konkrete Parameter entscheidet.

Merksatz

Serum und Plasma sind nicht „besser oder schlechter“. Der Laborwert muss für das verwendete Material validiert sein.

Trockenblut / Dried Blood Spot

Hierbei werden meist einige Tropfen Kapillarblut auf eine spezielle Karte gegeben und getrocknet.

Vorteile

  • sehr kleine Probenmenge
  • einfache Entnahme zu Hause
  • leichter Versand
  • bei geeigneten Verfahren gute praktische Lösung

Besonderheit

Das Labor analysiert nicht einfach flüssiges Blut. Die Probe muss aus dem getrockneten Material wieder für die Analyse aufbereitet werden.

Deshalb muss das gesamte Verfahren speziell für Trockenblut entwickelt und validiert sein.

Trockenblut ist also nicht pauschal:

schlechter als venöses Blut

aber auch nicht:

dasselbe wie venöses Serum.

Das hängt sehr stark vom jeweiligen Test ab.

Schaubild zu Kapillarblut, venösem Blut, Serum, Plasma und Trockenblut bei Labortests

Welche Probe ist denn nun die beste?

Das ist wahrscheinlich die nützlichere Frage als „Was ist Kapillarblut?“.

Wenn ich möglichst viele Werte auf einmal untersuchen lassen möchte

Dann ist eine venöse Blutabnahme häufig praktischer, weil mehr Material zur Verfügung steht und daraus unterschiedliche Probenarten beziehungsweise Laboruntersuchungen gewonnen werden können.

Wenn ich einen einzelnen Wert bequem zu Hause kontrollieren möchte

Dann kann ein validierter Kapillar- oder Trockenbluttest sehr praktisch sein.

Wenn ich eine medizinische Diagnose abklären möchte

Dann würde ich mich nicht danach richten, welche Probenentnahme am bequemsten ist, sondern danach, welches standardisierte Verfahren für diese Fragestellung vorgesehen ist.

Wenn ich einen Verlauf beobachten möchte

Dann ist für mich besonders wichtig:

möglichst dieselbe Probe + dasselbe Labor + dasselbe Verfahren

Denn dadurch entferne ich zumindest einen Teil der vermeidbaren Unterschiede.

Die Messmethode: Warum der Name des Tests noch nicht reicht

Auf einem Produkt kann beispielsweise stehen:

Vitamin-D-Test

Das sagt noch nicht, wie Vitamin D im Labor bestimmt wird.

Es gibt unterschiedliche technische Verfahren.

Du musst sie nicht im Detail verstehen. Einige Unterschiede helfen aber bei der Auswahl.

Immunoassay – häufig und gut automatisierbar

Bei Immunoassays werden vereinfacht gesagt spezifische Bindungsreaktionen genutzt, um einen Stoff nachzuweisen beziehungsweise zu bestimmen.

Vorteile

  • in Routinelaboren weit verbreitet
  • automatisierbar
  • große Zahl an Proben möglich
  • für viele etablierte Parameter gut geeignet

Möglicher Nachteil

Je nach Testsystem können andere Moleküle oder Unterschiede bei Kalibrierung und Reagenzien das Ergebnis beeinflussen.

Das bedeutet nicht, dass Immunoassays grundsätzlich ungenau sind.

Es bedeutet:

Man sollte einen guten standardisierten Immunoassay nicht mit einem beliebigen anderen Verfahren gleichsetzen.

LC-MS/MS – Stoffe sehr gezielt voneinander unterscheiden

Die Abkürzung steht für Flüssigchromatographie gekoppelt mit Tandem-Massenspektrometrie.

Der Name klingt schlimmer als das Prinzip.

Vereinfacht gesagt werden Stoffe zunächst voneinander getrennt und anschließend anhand ihrer molekularen Eigenschaften gezielt bestimmt.

Bei Vitamin D verwendet das CDC eine LC-MS/MS-Methode als hochrangiges Referenzverfahren für Gesamt-25-Hydroxyvitamin D. Dabei werden 25-OH-D2 und 25-OH-D3 getrennt bestimmt.

Also immer LC-MS/MS wählen?

Auch hier: nein.

Ein standardisiertes Routineverfahren kann für die normale Laborversorgung völlig angemessen sein.

Beim Vitamin D zertifiziert das CDC beispielsweise auch Routineverfahren, wenn sie definierte Kriterien für Messabweichung und Präzision erfüllen.

Das ist eigentlich die wichtigere Information für den Verbraucher:

Nicht automatisch nach dem technisch beeindruckendsten Namen suchen – sondern nach einem gut standardisierten Verfahren.

Gaschromatographie – beispielsweise bei Fettsäuren

Bei Fettsäureanalysen begegnet einem wiederum häufig die Gaschromatographie.

Dabei werden unterschiedliche Fettsäuren voneinander getrennt und anschließend quantitativ bestimmt.

Das ist ein gutes Beispiel dafür, warum die Frage

„Ist LC-MS/MS besser als ein Immunoassay?“

manchmal gar keinen Sinn ergibt.

Für unterschiedliche Stoffe eignen sich unterschiedliche Analyseprinzipien.

Wenn ich die Messmethode auswählen kann: Worauf würde ich achten?

Meistens kannst du beim Hausarzt nicht sagen:

„Bitte heute Immunoassay B statt Methode A.“

Das Labor hat sein validiertes Verfahren.

Bei Heimtests und Selbstzahler-Laboren hast du dagegen häufig indirekt eine Wahl, weil du zwischen unterschiedlichen Anbietern entscheidest.

Dann würde ich eher diese Fragen stellen:

1. Wird exakt genannt, was gemessen wird?

Gut:

25-Hydroxyvitamin D

Weniger hilfreich:

Vitamin-D-Wert

2. Wird die Probe klar genannt?

Zum Beispiel:

Kapillarblut auf Trockenblutkarte

statt einfach:

Blutprobe

3. Wird das analysierende Labor genannt?

Das schafft mehr Transparenz.

4. Wird die Messmethode genannt?

Nicht für jeden Verbraucher zwingend erforderlich – aber ein gutes Zeichen für Transparenz.

5. Wird erklärt, wie das Ergebnis einzuordnen ist?

Also:

  • Einheit
  • Referenzbereich
  • verwendeter Parameter
  • gegebenenfalls Einschränkungen

6. Gibt es Hinweise auf Standardisierung oder Zertifizierung?

Gerade bei Parametern, bei denen Messmethoden bekanntermaßen Unterschiede verursachen können, ist das interessant.

Grafischer Leitfaden mit sechs Kriterien zur Auswahl und Einordnung eines Labortests

Referenzbereich, Einheit und Messwert – drei Dinge, die leicht verwechselt werden

Hier entstehen erstaunlich viele Missverständnisse.

Beispiel 1: Dieselbe Vitamin-D-Konzentration sieht plötzlich völlig anders aus

Ein Labor könnte schreiben:

24 ng/ml

ein anderes:

60 nmol/l

Das sieht aus wie:

24 versus 60

Tatsächlich entspricht bei 25-Hydroxyvitamin D 1 ng/ml ungefähr 2,5 nmol/l.

Damit beschreiben beide Angaben in diesem Beispiel denselben Wert.

Das ist eine Einheit

Die Einheit sagt, in welcher „Maßeinheit“ eine Konzentration angegeben wird.

Genau wie:

  • Kilometer versus Meilen
  • Celsius versus Fahrenheit

Nur eben im Labor.

Beispiel 2: Gleiche Zahl – aber anderer Laborwert

Stell dir vor, auf zwei Befunden steht:

Omega-6/Omega-3 = 3

Das bedeutet noch nicht zwingend dasselbe.

Ein Labor könnte rechnen:

Gesamt-Omega-6 ÷ Gesamt-Omega-3

ein anderes:

Arachidonsäure ÷ EPA

Gleiche Bezeichnung, möglicherweise vollkommen andere Berechnung.

Darauf gehe ich in meinem Omega-3-Artikel noch ausführlicher ein.

Beispiel 3: Gleicher Laborwert – aber anderer Hintergrund

Ferritin ist ein gutes Beispiel.

Ferritin gibt Informationen über die Eisenspeicher.

Es ist aber gleichzeitig ein sogenanntes Akutphase-Protein und kann bei Entzündungen ansteigen. Die WHO empfiehlt deshalb, Entzündungen bei der Interpretation ausdrücklich zu berücksichtigen.

Damit kann dieselbe Ferritinkonzentration in zwei unterschiedlichen Situationen anders eingeordnet werden.

Das ist mit „klinischer Fragestellung“ gemeint.

Nicht nur:

Wie hoch ist Ferritin?

sondern zum Beispiel:

Wie hoch ist Ferritin bei einer Person ohne Entzündungszeichen?

oder:

Wie ist Ferritin bei gleichzeitig vorhandener Entzündung einzuordnen?

Grafischer Leitfaden mit sechs Kriterien zur Auswahl und Einordnung eines Labortests

Was ist eigentlich ein Referenzbereich?

Ein Referenzbereich ist vereinfacht gesagt der Bereich, mit dem ein Labor dein Ergebnis vergleicht.

Er wird häufig aus den Messwerten einer bestimmten Referenzgruppe abgeleitet – zum Beispiel aus einer Gruppe Erwachsener. Das bedeutet aber nicht, dass alles innerhalb dieses Bereichs automatisch „gesund“ und alles außerhalb automatisch „krank“ ist.

Vor allem ist ein Referenzbereich kein universeller grüner Bereich, der für jeden Menschen, jedes Labor und jedes Messverfahren identisch sein muss.

Er kann unter anderem abhängen von:

  • der untersuchten Personengruppe,
  • Alter und teilweise Geschlecht,
  • Probenmaterial,
  • Messmethode,
  • verwendeter Einheit,
  • Labor und Testsystem,
  • biologischen Einflussfaktoren,
  • der jeweiligen medizinischen Fragestellung.

Warum können zwei Labore unterschiedliche Referenzbereiche angeben?

Referenzbereiche sind nicht für sämtliche Laborwerte weltweit einheitlich standardisiert.

Ein Labor kann beispielsweise:

  • einen eigenen Referenzbereich anhand einer geeigneten Referenzpopulation ermitteln,
  • einen bereits etablierten Bereich aus wissenschaftlichen Untersuchungen übernehmen,
  • Angaben des Herstellers eines Testsystems verwenden,
  • oder einen bestehenden Referenzbereich für das eigene Verfahren und die eigene Patientengruppe überprüfen.

Fachliche Standards sehen deshalb ausdrücklich vor, dass ein übernommener Referenzbereich darauf geprüft werden sollte, ob er zum verwendeten Messverfahren und zur untersuchten Population passt.

Das erklärt, warum Labor A für denselben Parameter einen etwas anderen Bereich angeben kann als Labor B, ohne dass automatisch eines der beiden Labore falsch liegt.

Können Referenzbereiche auch veraltet sein?

Das ist grundsätzlich möglich – aber differenzierter, als es zunächst klingt.

Laborverfahren, wissenschaftliche Erkenntnisse und medizinische Leitlinien entwickeln sich weiter. Auch Referenzpopulationen können sich verändern. Deshalb sollten Referenzintervalle immer wieder daraufhin überprüft werden, ob sie noch zum verwendeten Verfahren und zur untersuchten Bevölkerung passen.

Ein älterer Referenzbereich ist allerdings nicht automatisch falsch oder unbrauchbar. Manche Bereiche bleiben über lange Zeit fachlich gültig.

Wichtiger ist die Frage:

Passt dieser Referenzbereich noch zur heutigen Messmethode, zur untersuchten Personengruppe und zur medizinischen Fragestellung?

Außerdem kann ein Laborreferenzbereich von einem aktuellen Leitlinienwert, medizinischen Entscheidungswert oder Zielbereich abweichen. Das muss nicht bedeuten, dass das Labor einen falschen Bereich verwendet – denn diese Begriffe erfüllen unterschiedliche Aufgaben.


Referenzbereich und medizinischer Grenzwert sind nicht dasselbe

Das ist besonders wichtig, weil beide Begriffe häufig miteinander verwechselt werden.

Ein Referenzbereich beschreibt vereinfacht gesagt, welche Werte bei einer definierten Vergleichsgruppe gefunden wurden.

Ein medizinischer Entscheidungs- oder Grenzwert beantwortet dagegen eine konkrete medizinische Frage, zum Beispiel:

Ab welchem Wert sollte weiter untersucht oder eine Erkrankung in Betracht gezogen werden?

Ein Beispiel ist HbA1c. Hier gibt es festgelegte diagnostische Schwellen für Prädiabetes und Diabetes. Diese medizinischen Grenzwerte entstehen nicht einfach dadurch, dass ein Wert außerhalb des Referenzbereichs eines Labors liegt.

Das bedeutet:

„Im Referenzbereich“ heißt nicht automatisch „jede Erkrankung ausgeschlossen“.

Und umgekehrt gilt:

Eine kleine Abweichung vom Referenzbereich bedeutet nicht automatisch, dass jemand krank ist.

Entscheidend ist immer, welche Frage mit dem jeweiligen Wert beantwortet werden soll.

Praktische Regel

Zuerst prüfen, welcher Referenzbereich zu genau diesem Laborbefund, Probenmaterial und Messverfahren gehört. Danach kann man – wenn es für die Fragestellung relevant ist – zusätzlich aktuelle Leitlinien, medizinische Entscheidungsgrenzen oder Zielbereiche heranziehen.

Ich würde deshalb nie einfach irgendeinen „Normwert“ aus dem Internet auf einen Laborbefund übertragen.

Und gerade bei längerfristigen Verlaufskontrollen ist es sinnvoll, darauf zu achten, ob Labor, Messmethode und Referenzbereich zwischen den Untersuchungen gleich geblieben sind.

Referenzbereich ≠ automatisch optimaler Bereich ≠ diagnostischer Grenzwert ≠ persönlicher Zielwert

Diese Begriffe beantworten unterschiedliche Fragen und sollten nicht miteinander gleichgesetzt werden.

Zwei Ergebnisse unterscheiden sich – was mache ich konkret?

Schritt 1 – Prüfe den Namen des Parameters

Steht wirklich auf beiden Befunden dasselbe?

Nicht nur:

Vitamin D

sondern beispielsweise:

25-Hydroxyvitamin D

Schritt 2 – Prüfe die Einheit

Beispielsweise:

  • ng/ml
  • nmol/l
  • mg/dl
  • mmol/l

Sind die Einheiten verschieden, müssen sie zunächst korrekt umgerechnet werden.

Schritt 3 – Prüfe das Probenmaterial

Zum Beispiel:

  • Kapillarblut
  • venöses Vollblut
  • Serum
  • Plasma
  • Trockenblut
  • rote Blutkörperchen

Wenn unterschiedliche Materialien verwendet wurden, prüfe, ob die Werte überhaupt direkt vergleichbar sind.

Schritt 4 – Prüfe die Messmethode

Wenn beide Labore die Methode nennen, kannst du sehen, ob unterschiedliche Verfahren eingesetzt wurden.

Bei größeren Abweichungen ist das besonders interessant.

Schritt 5 – Prüfe Zeitpunkt und Bedingungen

Ein Glukosewert von Montagmorgen nüchtern lässt sich beispielsweise nicht sinnvoll mit einem Wert direkt nach dem Mittagessen vergleichen.

Andere Laborwerte reagieren wesentlich langsamer.

Schritt 6 – Nicht einfach den Mittelwert bilden

Wenn ein Labor beispielsweise 60 und das andere 90 misst, ist

75

nicht automatisch der „wahre Wert“.

Das wäre mathematisch hübsch, medizinisch aber nicht begründet.

Schritt 7 – Wenn die Abweichung eine Entscheidung verändert, kontrollieren

Das halte ich für die wichtigste praktische Regel.

Angenommen:

Ergebnis A würde dazu führen, dass du überhaupt nichts verändern würdest.

Ergebnis B würde dagegen eine relevante medizinische oder therapeutische Entscheidung auslösen.

Dann ist die Frage nicht:

Welches Ergebnis gefällt mir besser?

sondern:

Brauche ich eine standardisierte Kontrollmessung, bevor ich daraus Konsequenzen ziehe?

Bei medizinisch relevanten Widersprüchen ist eine kontrollierte Wiederholung beziehungsweise ärztliche Einordnung sinnvoll.

Entscheidungshilfe zum Vergleichen von Laborwerten: Parameter, Einheit, Probenmaterial, Messmethode, Zeitpunkt und Kontrollmessung übersichtlich erklärt.

Drei typische Situationen aus dem Alltag

Situation A – andere Einheit, eigentlich dasselbe Ergebnis

Labor A:

Vitamin D: 24 ng/ml

Labor B:

Vitamin D: 60 nmol/l

→ zunächst wirkt es stark unterschiedlich.

Nach Umrechnung:

→ praktisch derselbe Wert.

Problem: Einheit, nicht Messung.

Situation B – gleicher Name, andere Berechnung

Labor A:

Omega-6/Omega-3-Verhältnis

= Gesamt-Omega-6 / Gesamt-Omega-3

Labor B:

Omega-6/3-Verhältnis

= Arachidonsäure / EPA

→ Die Werte können stark unterschiedlich aussehen.

Problem: unterschiedliche Formel.

Situation C – derselbe Parameter, wirklich unterschiedliche Ergebnisse

Zum Beispiel:

25-OH-Vitamin D: 60,8 ng/ml

und wenige Tage später:

93 ng/ml

Gleicher Parameter und gleiche Einheit – aber deutlich unterschiedliche Zahlen.

Dann würde ich als Nächstes prüfen:

  • Probenmaterial?
  • Labor?
  • Messmethode?
  • Standardisierung?
  • Präanalytik?

Wenn die Differenz meine weitere Entscheidung beeinflussen würde, wäre für mich eine vergleichbare Kontrollmessung sinnvoller als das Rätselraten darüber, welcher Wert „richtiger“ aussieht.

Genau diesen Fall werde ich in meinem persönlichen Vitamin-D-Vergleich ausführlicher zeigen.

Welche Art von Test würde ich wann wählen?

Meine FrageWorauf ich besonders achten würde
Ich möchte bequem einen einzelnen Wert kontrollierenvalidierter Heimtest für genau diesen Parameter
Ich möchte viele Werte gleichzeitig bestimmenvenöse Laboruntersuchung ist häufig praktischer
Ich möchte eine Diagnose medizinisch abklärenstandardisiertes diagnostisches Verfahren statt Auswahl nach Bequemlichkeit
Ich möchte meinen Verlauf beobachtenmöglichst dasselbe Labor und Verfahren
Zwei Ergebnisse widersprechen sich deutlichnicht mitteln, sondern Vergleichbarkeit prüfen und bei Relevanz kontrollieren
Ich möchte Anbieter vergleichenBiomarker, Probe, Labor, Methode, Einheit und Befundumfang vergleichen

Mein wichtigster Merksatz

Wenn ich heute zwei Laborbefunde nebeneinanderlege, frage ich nicht mehr zuerst:

Welche Zahl ist richtig?

Sondern:

Sind diese beiden Zahlen überhaupt dafür gemacht, miteinander verglichen zu werden?

Erst wenn Biomarker, Einheit, Probe und Messverfahren ausreichend vergleichbar sind, wird die Differenz zwischen den Zahlen wirklich interessant.

Das nimmt Laborwerten etwas von ihrer scheinbaren Eindeutigkeit – macht sie aber gleichzeitig deutlich verständlicher.

Fazit: So vergleichst du Laborwerte sinnvoll

Für einen ersten Check reichen fünf Fragen:

1. Was wurde genau gemessen?
2. Aus welcher Probe?
3. In welcher Einheit?
4. Mit welchem Verfahren?
5. Gehört zu beiden Ergebnissen derselbe beziehungsweise ein vergleichbarer Referenzrahmen?

Wenn diese Punkte passen, kannst du dich mit der eigentlichen Veränderung beschäftigen.

Wenn nicht, vergleichst du möglicherweise zwei Zahlen, die zwar ähnlich heißen, aber nicht dasselbe bedeuten.

Weiterlesen bei wevita

Labortests im Vergleich: Heimtests, Laborwerte und Messmethoden verstehen

Omega-3-Index: Mein Vergleich von Fingerkuppentest und venöser Blutabnahme (erscheint bald)

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Quellen & weiterführende Informationen

World Health Organization (WHO): Guidelines on drawing blood – Best practices in phlebotomy
Grundlage für die Hinweise zur kapillaren Blutentnahme und zur Probenqualität. Die WHO beschreibt unter anderem, dass starkes Auspressen des Fingers die Probe mit Gewebsflüssigkeit verdünnen und die Wahrscheinlichkeit einer Hämolyse erhöhen kann.
WHO – Guidelines on drawing blood

Clinical and Laboratory Standards Institute (CLSI): The Importance of Proper Collection of Capillary Blood Specimens
Ergänzende Fachinformation zur korrekten kapillaren Blutentnahme. CLSI weist außerdem darauf hin, dass kapillare und venöse Proben bei einzelnen Laborparametern unterschiedliche Ergebnisse liefern können und deshalb nicht pauschal austauschbar sind.
CLSI – Proper Collection of Capillary Blood Specimens

Lima-Oliveira G. et al.: Sample management for clinical biochemistry assays – Are serum and plasma interchangeable specimens?
Fachübersicht zu den Unterschieden zwischen Serum und Plasma. Die Autoren zeigen, dass die Wahl der Probenmatrix bei verschiedenen Laborparametern einen messbaren Einfluss auf das Ergebnis haben kann und Serum und Plasma nicht grundsätzlich beliebig austauschbar sind.
PubMed – Serum und Plasma im Vergleich

Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Vitamin D Reference Laboratory
Informationen zum Referenzmessverfahren für Gesamt-25-Hydroxyvitamin D. Das CDC verwendet eine hochpräzise HPLC-MS/MS-Referenzmethode, bei der 25-OH-D2 und 25-OH-D3 getrennt bestimmt werden.
CDC – Vitamin D Reference Laboratory

Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Vitamin D Standardization-Certification Program
Ergänzende Informationen dazu, wie klinische Vitamin-D-Messverfahren hinsichtlich Messabweichung und Präzision geprüft und standardisiert werden. Das ist eine gute Grundlage für die Erklärung, warum unterschiedliche Laborverfahren nicht automatisch identische Ergebnisse liefern, ein Routineverfahren aber trotzdem gut standardisiert sein kann.
CDC – Vitamin D Standardization-Certification Program

World Health Organization (WHO): Use of ferritin concentrations to assess iron status in individuals and populations
Grundlage für die Einordnung von Ferritin als Marker der Eisenspeicher. Die WHO weist auf den Einfluss von Entzündungen hin und empfiehlt bei Verlaufskontrollen möglichst dieselbe Messmethode beizubehalten.
WHO – Ferritin zur Beurteilung des Eisenstatus

Clinical and Laboratory Standards Institute (CLSI): EP28 – Defining, Establishing, and Verifying Reference Intervals in the Clinical Laboratory
Fachstandard zur Ermittlung, Festlegung und Überprüfung von Referenzintervallen. Er beschreibt unter anderem, wie Labore Referenzbereiche selbst bestimmen beziehungsweise bereits bestehende Referenzintervalle für die eigene Methode und Population überprüfen können. Das stützt den Abschnitt dazu, warum Referenzbereiche verschiedener Labore voneinander abweichen können.
CLSI – EP28 Reference Intervals

International Federation of Clinical Chemistry and Laboratory Medicine (IFCC): Committee on Reference Intervals and Decision Limits (C-RIDL)
Die IFCC beschäftigt sich ausdrücklich mit Referenzintervallen und medizinischen Entscheidungsgrenzen als unterschiedlichen Konzepten, ihrer Harmonisierung, Übertragbarkeit zwischen Messverfahren und der Überprüfung bestehender Referenzbereiche. Das passt besonders zu den Abschnitten „Warum unterscheiden sich Labore?“, „Können Referenzbereiche veraltet sein?“ und „Referenzbereich ≠ medizinischer Grenzwert“.
IFCC – Reference Intervals and Decision Limits

IFCC: Global Multicenter Study on Reference Values
Die IFCC verweist auf zwei Originalarbeiten zu einer internationalen Multicenter-Studie. Darin wurden Methoden zur Ableitung und zum Vergleich von Referenzintervallen sowie Ursachen für Unterschiede zwischen Ländern und Populationen untersucht.
IFCC – Global Multicenter Study on Reference Values

National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases (NIDDK): The A1C Test & Diabetes
Diese Quelle eignet sich für das konkrete Beispiel, dass diagnostische Grenzwerte etwas anderes sind als ein allgemeiner Laborreferenzbereich. NIDDK nennt für HbA1c klar definierte diagnostische Bereiche: unter 5,7 %, 5,7–6,4 % für Prädiabetes und ab 6,5 % für Diabetes; zur Diagnose ist in der Regel eine Bestätigung erforderlich.
NIDDK – The A1C Test & Diabetes

Hinweis zu den Quellen: Für medizinische und methodische Grundlagen nutze ich bevorzugt Leitlinien, Fachinstitutionen und wissenschaftliche Publikationen. Einzelne Laborwerte und Messverfahren können je nach Fragestellung, Probenmaterial und verwendeter Methode unterschiedlich einzuordnen sein.

Hinweis zu den Quellen: Für medizinische und methodische Grundlagen nutze ich bevorzugt Leitlinien, Fachinstitutionen und wissenschaftliche Publikationen. Einzelne Laborwerte und Messverfahren können je nach Fragestellung, Probenmaterial und verwendeter Methode unterschiedlich einzuordnen sein.

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